Texte

 

LANDEBAHN Roman von Stefan Gross

Carl Hammer weiß nicht wer er ist. Das Findelkind aus Berlin will sein unauflösbares Schicksal und seine Kindheit bei den Adoptiveltern hinter sich lassen. Er zieht weg aus Berlin, verliebt sich in die bayerische Provinz und in die bodenständige Alice. Für seine ambitionierten Lebenspläne jettet er in aller Herren Länder und lässt gerne mal beim Bodenpersonal fallen, wo er mit seinen Bonusmeilen Urlaub macht. Also alles paletti für den jungen dynamischen Unternehmensberater im feschen Janker, Leinensakko, slim fit Anzug, je nach dem, was anliegt. Nicht ganz, denn Carl erliegt Zug um Zug seiner Melancholie, je mehr das Leben, scheinbar zufällig, mit ihm zu spielen scheint. Als er nach Indien fliegen muss, geschehen merkwürdige Dinge. Doch Carl glaubt immer noch, dass er den Verlauf seiner Lebensreise frei entscheidet. Und vielleicht tut er das sogar, aber nicht mit dem Verstand, sondern mit dem Herzen. Unausweichlich treibt er ins Zentrum seiner Lebensfrage, trifft auf seine echten Eltern und glaubt, sich entscheiden zu müssen. Doch manchmal entscheidet das Leben.

Juni

Die langen hellen Tage verführten uns dazu, noch weniger zu schlafen als sonst. Um fünf standen wir auf, machten uns Kaffee und setzten uns raus auf die Terrasse. Der Himmel über München sah metallisch aus. Ihm fehlte die typische, meiner Wahlheimat nachgesagte, Heiterkeit. Die kleinen Wolken waren geometrisch exakt über die Fläche verteilt, ein bisschen wie das bayerische weißblaue Rautenmuster.
»Zirruswolken«, sagte ich.
»Sieht cool aus, Carl«, sagte Alice.
»Die Kondensstreifen bringen ein bisschen Pep ins Bild.«
»So als Signatur der Globalisierung?«, fragte ich.
Alice Antwort war ein langes, genüssliches Gähnen. Es war eindeutig zu früh und die Stimmung zu friedlich für eine Debatte über den Zustand der Welt. Sie schlürfte den Rest Milchkaffee aus ihrer XXL-Tasse und stellte sie zögernd auf den mintgrünen Metalltisch. »Ich muss los, auch wenn ich am liebsten zu Hause bleiben würde. Der Verkehr macht mich irgendwann fertig.« Sie stand auf und ging ins Bad.
Alice war Biologin. Sie arbeitete am Frauenhofer-Institut und beschäftigte sich mit plastikfressenden Mikroorganismen. Häufig steckte sie im Stau und entwickelte dann immer abgefahrenere Ideen. Sie glaubte noch an die Rettung der Welt durch die guten Taten der Wissenschaft und auch an einen Home-Office-Arbeitsplatz.
Ich wäre am liebsten auch zu Hause geblieben. Schon seit Tagen hatte ich ein leichtes, rätselhaftes Fieber, aber keine Erkältungssymptome. Ich führte es auf eine Hepatitis-Impfung vor einigen Tagen zurück. Vielleicht war es auch eine psychosomatische Reaktion auf meine bevorstehende Geschäftsreise nach Indien. Die Aussicht auf einen zweiwöchigen Aufenthalt in diesem Land begeisterte mich nicht gerade. Ich mochte Indien nicht. Ich hatte darüber nur frustrierende Bilder im Kopf: chaotische Städte, Elend, Schmutz und viel zu viele Menschen. Indien stellte ich mir vor wie die wahrscheinlichste Version unserer näheren globalen Zukunft. Ich hatte ein ernstes Motivationsproblem und als Unternehmensberater war die Motivationsfrage für mich äußert wichtig. Ich versuchte, mich für Indien zu motivieren, aber es gelang mir einfach nicht.
Doch wovon träumte ich? Von einem richtigen Leben im falschen? Das war der Traum meiner gescheiterten 68er Adoptiveltern, die mich falsch erzogen hatten. Meine wirklichen Eltern kannte ich nicht. Ich dachte oft an sie, betrachtete mich im Spiegel und zerbrach mir den Kopf darüber, wer sie waren. Ob sie jemals an mich dachten? Vielleicht waren sie nicht mehr am Leben. Es war völlig sinnlos, über sie nachzudenken. Es gab keine Antwort.

zum Buch