Frauentag

von

Wir waren in Tegel verabredet, um sechs am Gate. Ich war schon deutlich früher da, kann einfach nicht auf den letzten Drücker fliegen. Mein Nervenkostüm zwickte und kratzte wie blöd und mein Kreislauf war in Wallung. Auch ohne Spiegel wusste ich, dass sich eine Seenplatte aus roten Flecken in meinem Gesicht gebildet hatte. Ich hatte mir eine Überdosis Guarana (einen Esslöffel voll!) in den Joghurt gepackt, um in die Gänge zu kommen. T.C. Boyles Terranauten hatten mich um den Schlaf gebracht. Ich musste unbedingt wissen, wie es ausging. Um drei legte ich das Buch erschöpft zur Seite und als um vier der Wecker klingelte, glühte mein heiß gelaufenes Gehirn immer noch und war ziemlich durcheinander. Ich hatte was geträumt, von einem eigenartigen Ort im Dschungel, hatte ein Menschenkind auf dem Arm, vielleicht war es auch ein Primatenbaby.

„Hey Du!“ Udo stand plötzlich vor mir. Er wollte tatsächlich auch jetzt ein Bise, um diese Zeit. Seine Lippen, die mich dummerweise berührten, weil ich ihm meine Wange zum Abstempeln hinhielt, waren kalt und klebrig. Mein Hirn signalisierte Speiseeis. Mein Handrücken wischte es weg. Zauberhand. Ich bekam es selbst kaum mit und er auch nicht. Ich mochte ihn, als Typ, das war so und das ließ sich nicht leugnen, nur weil er mein Chef war. Ich war für Udo wohl schon allein deshalb eine Versuchung, weil ich mich in seiner Nähe normalerweise gut entspannen konnte, was ich von ihm nicht sagen konnte. Er hatte da wohl ein Problem mit mir, für das ich nicht zuständig war. Außerdem trug er einen Ehering. Sowas respektiere ich. Ich bin nämlich absolut nicht zu haben für feindliche Übernahmen. Wenn er sein Gelübde unterbrechen wollte, war es an ihm, mich zu verführen.

„Du glühst ja förmlich. Alles gut? Wohl doch kein Fieber? Hast du etwa die Grippe?“ Udo zog erschrocken den Kopf zurück und musterte mich mit Chefarztblick. „Ist nichts. Echt nicht. Bin höchstens ein bisschen erkältet, ganz normal für die Jahreszeit.“ Er war mit der Auskunft zufrieden. „Hab‘ auch ganz vergessen das dicke Ding hier auszuziehen und bin schon eine Weile hier.“ Udo half mir nach alter Schule aus meiner Steppjacke. Ich machte ein bisschen Show, kicherte, wand mich, machte „Ah! und  uh!, fummelte mich geziert aus dem guten Stück, sagte „Danke sehr der Herr, sehr aufmerksam.“ Niemand schien davon Notiz zu nehmen. Jemand hätte wenigstens kurz lächeln können.

Im Flieger saßen wir nicht nebeneinander. Udo diente mir seinen Platz in der ersten Reihe an. „Ist ein Upgrade. Hast die ganze Reihe für dich allein, schlaf vielleicht noch ein bisschen, wenn du kannst“, sagte er besorgt, als sei ich mit Influenza B auf dem Höhepunkt. Ich wollte ablehnen und zu meinem regulären Platz, sah mich dann aber nach Einschätzung der Lage den Flug zwischen zwei Männern verbringen; einem in Monteurkleidung, der zu dick war für den Sitz und sich mit seinem schwerem Alukoffer schnaufend am Gepäckfach abmühte, und einem zappeligen mit undichtem Kopfhörer, der schon im Gang nicht ruhig stehen und abwarten konnte, bis er an der Reihe war. Ich überließ Udo den Platz und machte mich vorne breit. Lehnte den Kaffee ab. Schon der Gedanke an Koffein widerte mich an. Nahm aber die warme Laugenstange und den Tomatensaft. Ich schlief wohl tatsächlich ein bisschen. Jedenfalls habe ich nicht mitbekommen, dass abserviert wurde.

Am Flughafen Köln-Bonn hatten sie nur einen Kleinwagen übrig. Etwas mit der Reservierung war schiefgelaufen. Udo schimpfte auf eine Patricia, die es wohl vermasselt hatte. Ich kannte sie nicht. Er hatte sie wohl selbst eingestellt und ganz sicher verblendet von ihrer bestimmt hübschen Erscheinung vergessen darauf zu achten, ob sie auch was von Autos und Verträgen verstand. Ganz sicher war sich hübsch für ihn.

Das arme Ding, voll am Anschlag bei hundertsechzig, und ich zitterten um die Wette. Ich schrie nicht, richtete mich nicht entschlossen auf, gebot Udo nicht Einhalt, sondern starrte auf die Konsole vor mir und bildete mir ein genau zu wissen, wo sich der Airback befand, der mir gleich ins Gesicht schlagen würde. Wir rasten links auf der A3 in Richtung Oberhausen. Hinter uns drückte ein riesiger roter Grand Cherokee. Mit solchen Autos ziehen Rebellentruppen in ihre Kriege. Der große Krieger kam immer näher, aber Udo war fest entschlossen, ihm zu entfliehen und ging keinen Millimeter vom Gas. „Die verdammte Kaffeemühle“, rief er irre.

Vor uns zog ein schwarzer Mercedes E Coupé so ruhig seine Bahn, als würde er schweben. Sein Abstand zu uns vergrößerte sich zusehends. Im Grand Cherokee wuchs die Ungeduld. Er hupte, mit Licht und Hupe. Neben uns, auf der Mittelspur, kämpften sich zwei LKW an ihren Konkurrenten ganz rechts vorbei. Zwischen die würde uns der große Häuptling abdrängen, wenn er genug von uns hatte. Die Rache der Cherokee wird uns ereilen, geboren auf ihrem Weg der Tränen von Georgia nach Oklahoma ins Reservat, nach dem Verrat von John Ross, dachte ich. Ich lese gelegentlich über sowas. Über viertausend ihres Volkes sind umgekommen. 1838 war das. Ihre Geister hatten sich eines gestressten Aktionärs auf dem Kriegspfad ins Ruhrgebiet bemächtigt und bedienten sich seiner Raserei, um ihr Rachewerk zu vollbringen. Noch ein paar Zentimeter näher ran und Udo, ich spürte es, würde die Nerven verlieren. Eine kleine Unachtsamkeit und es wäre aus mit uns: Vollsperrung auf der A3 Richtung Oberhausen. Kleinwagen rast in LKW und verursacht Massenkarambolage. Etliche Tote und Verletzte. Begrabt mein Herz an der Biegung der Autobahn. Ich übte schon mal sterben, sah aber keine Regenbogenbrücke, sondern presste mir die Hände auf die Ohren und schrie aus purer Angst über den plötzlichen schrillen Krach. Udo war selbst erschrocken. Irgendwo am Lenkrad hatte er zufällig das Radio eingeschaltet und fand zum Glück gleich den AUS-Knopf.

„Es reicht! Geh‘ vom Gas!“ Er schaute mich verblüfft an. „SCHAU AUF DIE STRASSE!“ Zwischen den Mercedes und uns schob sich unbekümmert ein weißer Renault Clio mit gelbem Kennzeichen. Ein Holländer. „FAHR NACH RECHTS!“ Udo gehorchte und fuhr in die Lücke, die der Holländer hinterlassen hatte. Ich atmete zum ersten Mal durch, seit wir auf der Autobahn waren. „GANZ NACH RECHTS!“ Er gehorchte abermals. Der Bann war gebrochen. Natürlich glaube ich nicht an indianische Rachegeister, aber die Hybris der modernen Menschen, die gerade dabei sind, den Planeten, der ihnen nicht gehört, ein paar dummen Phantasien über die Besiedlung des Alls zu opfern, wird dafür sorgen, dass sich einige alte indianische Weissagungen vom Ende des weißen Mannes erfüllen. Doch bis es soweit ist, werden sie alles unternehmen, um mit dem Auto zum Mars zu kommen. Don‘t panic? Mutter Erde: Was müssen wir tun, um dich wenigsten von den schlimmsten dieser Idioten zu befreien? Don‘t panic…
Schweigend zuckelten wir weiter Richtung Oberhausen und blieben rechts. Auf der Sozialspur, wie ein Kabarettist das mal genannt hat. Nach und nach spürte ich mich wieder, meinen Körper, den Schock, der in ihm steckte, die brennende Erschöpfung - und das mir unangenehm warm war untenrum. Ich befürchtete Schlimmes, aber alles war trocken. Es kam von der Sitzheizung. Die Frage, ob er sie für mich angemacht hatte, ersparte ich mir. Ich fand den Knopf zwischen unseren Sitzen, machte sie aus und musterte ihn kurz. Er war viel zu groß für das kleine Fahrzeug, passte kaum hinters Steuer. Und er dachte sich was aus. Ich kannte diese Verfassung bei ihm, dieses eigentlich nicht anwesend sondern auf Autopilot sein.

In Oberhausen hielt er plötzlich mit Vollbremsung an. Nicht, dass die Reifen quietschten, aber nicht angeschnallt wäre ich gegen die Windschutzscheibe geknallt. „Heute ist Frauentag, Weltfrauentag!“, rühmte er sein Wissen, lächelte wie ein Bräutigam, stieg ohne eine Reaktion von mir abzuwarten aus und eilte zu dem Blumenladen, den er entdeckt hatte. Ich schloss die Augen und warte auf das Geräusch der Verriegelung, darauf, dass er mich einschloss. Aber es klickte nicht. Er hatte mich einfach auf der Straße mitten im Verkehr abgestellt. Schon wieder hupte jemand hinter mir. Der Schlüssel steckte. Ich rutschte auf den Fahrersitz und ließ den Wagen an, ein KIA Picanto in sandfarben. Die Kleine schnurrte gefällig. Ich sah, wie Udo aus dem Laden kam, mit dreißig Tulpen mindestens, die er in der Armbeuge trug wie ein Neugeborenes. Ich fuhr los und vermied den Blick in den Rückspiegel. Die Kleine fuhr sich geschmeidig wie Seide.

Am Empfang von Emscher Development fragten sie nach ihm. „Er ist krank“, behauptete ich ohne nachzudenken über Konsequenzen. Auf dem Weg zum Besprechungsraum meldete er sich über WhatsApp, mit Blümchen: „Sag‘, dass ich krank bin. ES TUT MIR LEID!“ Ich antwortete. „Ja, Du bist krank. Ihr seid alle krank...“ Ich schaltete den Flugmodus ein, ging ins Meeting und wurde freundlich von einer Männerrunde empfangen. „Guten Tag, ich bin Simone Krei und werde heute mit Ihnen über Veränderungsarbeit sprechen. Mein Partner ist leider kurzfristig erkrankt. Sie wissen ja, die Grippewelle. Doch ich bin in bester Verfassung.“ Ich lächelte in die Runde. Sie goutierten das. Auf dem Besprechungstisch standen Tulpen.

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