Mittsommer

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Mittsommer nennen wir ihn, den längsten Tag des Jahres. Wir überschreiten eine Schwelle. Und wer sich von den wirklich großen Mächten über sie tragen lässt und sein Herz für das Wunder des Lebens öffnet, wird mit Licht gesegnet und sein inneres Feuer entflammt in der Sehnsucht nach Glück für die Welt und alle ihre Wesen.

Menschen, die dieses Gefühl kennen und darüber Auskunft geben, werden von anderen Spirituelle genannt - diese Begeisterten und Beseelten. Und nicht selten werden sie für ihre Erlebnisfähigkeit von jenen belächelt, die zu solchen Gefühlen nicht fähig sind oder sogar meinen, solche Gefühle und inneren Stimmungen seinen nicht wichtig und störten nur. Vielleicht beim Verdrängen des eigenen Innenlebens, das dringend Zuwendung bräuchte?

Was auf dem Scheitelpunkt des Jahres astro-physikalisch vor sich geht, müsste ich mal nachschauen, aber der Begriff Himmelsmechanik kam mir immer schon hilflos, jedenfalls unvollständig und einseitig vor, denn es geht doch um mehr als Physik, besonders an so einem Tag. Die Physik beschreibt nur die materiellen Ereignisse. Doch die geistigen Kräfte wirken in der Natur ebenso klar, nur anders. Sie wirken auf Körper, Geist und Seele und hoffentlich gehen viele Physiker und andere Materialisten in die Natur, um sich von ihr inspirieren zu lassen. Werner Heisenberg wanderte oft in den Bergen und dabei kamen ihm die richtig guten Gedanken. Und auch Einstein sprach offen über Gott.

Der Mittsommer ist der höchste aller Tage und anders als seinem Bruder auf der anderen Seite des Jahres schenken wir ihm keine große Feier mehr, bis auf ein paar Exzentriker, die sich an Kultplätzen, von denen Stonehenge der berühmteste ist, einfinden und sich mit Kräften verbinden, deren Sinn und Wirken so vielen heutzutage verborgen bleibt, weil sie der Natur und ihren Energien kaum noch Beachtung schenken oder ihr sogar dermaßen entfremdet sind, dass sie mit ihr nichts mehr anfangen können.

Als ich noch in Kiel lebte, das war in den Neunzigern, verbrachten wir Mittsommer oft am Strand. Erst recht bei schönem Wetter wurde es nie richtig dunkel. An Mitternacht strahlte der Himmel ganz dunkelblau und die Sonne wartete hinterm Horizont nur darauf, dieses schüchterne und sehr schöne Schauspiel mit eine überlegenen Strahlen wegzulächeln. Ein bisschen arrogant kann er schon auch sein, der hohe Sommer.

Die Leute in Schleswig-Holstein lassen gerne mal fallen, dass sie sich eigentlich Skandinavien zugehörig fühlen, so wie Dänemark. Einige träumen gar von einem baltischen Staatenbund, zu der alle an der Ostsee liegenden Länder gehören. Wenn ich meinen damaligen Freunden in Kiel erzählte, wo ich aufgewachsen war, am Mittelrhein, in der Nähe der Loreley, in diesem zu Julius Cäsars Eroberungen gehörenden früh von der römischen Kultur überformten Gebiet, nannte sie mich schmunzelnd „Römer.“

Mitte der Neunziger, bin ich mit Ihnen sogar bis zum nördlichen Polarkreis gefahren, nach Schweden, in einem Gebiet voller Seen, die alle ineinander übergingen und aus denen riesige Findlinge ragten. Die Szenerie war magisch, weil ich aus dem Staunen gar nicht mehr rauskam. Ich hatte so etwas noch in mit eigenen Augen gesehen und im Fernsehen, die damals auch schon gut waren, erlebt man die Natur nicht, sowenig wie man… Echte, heiße Liebe lässt sich nicht in Bilder fassen.

Es war mein erster und bislang einziger Kanu-Urlaub und weil es damals leider sehr oft und sehr viel regnete, verkrochen wir uns in die Zelte und hatten nicht viel übrig für den Mittsommerhimmel hinter schattigen Wolken, durch die hin und wieder die Nachtsonne schien, die im hohen Norden ja dann nie untergeht. Das sah gespenstisch aus, wie kaltes Scheinwerferlicht und dieses super coole Ereignis wäre eigentlich einen nächtlichen Ausflug wert gewesen, mit dem Kanu auf dem See, zwischen den riesigen Steinen, aber jung und dumpf und achtlos, wie wir damals viel zu häufig waren, haben wir nicht mal darüber nachgedacht. Während die anderen pokerten, kämpfte ich deprimiert gegen das schlechte Wetter mit schlechten Gedanken an. Es war die reine Zeitverschwendung. Aber die Hälfte meines Lebens geht bestimmt drauf mit inneren Kämpfen gegen seine schlechten Bedingungen. Ich weiß das, aber die Veränderung solcher Glaubenssätze – weniger stumpfsinniger Widerstand,  mehr  kreative Hingabe an den Augenblick des Herzschlags und den Strom des Bewusstseins – ist so schwierig wie das versetzten von Wänden, auf denen ein Dach ruht.

Zur Mittsommerzeit hatte ich zwei Pflanzen, die zu mir sprachen. Eine Kapuzinerkresse, die übermütig orange blühte und ganz heiß war auf Sahra, eine dralle Hummel mit weißem Hinterteil, die ständig angebrummt kam und gar nicht genug kriegen konnte. Warum ich dem Wesen einen weiblichen Namen gegeben habe, habe ich mich bis jetzt nicht gefragt, aber das passiert mir beim Schreiben öfter mal, dass ich Überlegungen habe, zu denen ich nicht komme, wenn ich nicht schreibe. Vielleicht, weil es ja ‚die Hummel‘ heißt kam mir gar nicht in den Sinn, ihr mit einen männlichen Namen zu geben. Eine Hummel namens Peter ist auch irgendwie schräg. Ich habe dem tagelangen Treiben sehr gerne zugeschaut. Sahra brummte vergnügt und die Kapuzinerkresse flüsterte mir, gewissermaßen, dass sie es gerne mit ihr hat. Ihre Blüten sind willig, geradezu einladend, sehr sexuell und ganz anders die, der auf sie herabschauenden beiden Rosen, die etwas erhöht auf dem Sockel des Sonnenschirms stehen.

Die andere Pflanze, die zum sprach war das Johanniskraut. Es gedeiht prächtig am der Rheinuferböschung in den Fugen der groben Steine entlang der kilometerlangen Auslaufmeile der Kölner, zwischen Eisenbahn- und der Autobahnbrücke. Ich war mehrere Male dort und habe diese sehr robuste Pflanze mit den knallgelben Blüten, die wie lauter kleine Sonnen aussehen und ganz feine, strahlende Härchen haben, fast jeden Abend besucht, als ich mitbekam, dass sie zu blühen begannen. Ich habe mich zwischen sie gesetzt und sie auf mich wirken und zu mir sprechen lassen. Sie ist ja eine meiner wichtigsten Heilpflanzen und ich nehme sie seit vier Jahren fast täglich ein, als klein gehäckseltes Kraut in Retardkapseln und deshalb habe ich zu ihr eine stabile energetische Beziehung. Sie ernährt mich mit ihren Eigenschaften, macht mich geistig robust und schenkt mir ihr inneres Feuer. Ein paar Mal habe ich sie gepflückt und frisch aufgebrüht. Ich mag ihren Geschmack. Kurz vor dem Johannistag fuhr ich dann den ganzen langen Weg ab und sammelte an vielen Stellen eine ziemlich große Menge ihrer Blüten ein. Ich schnitt sie mit einem scharfen Messerchen ab und hatte schnell den roten Saft an den Fingern, der sich bald dunkel färbt, weil er vermutlich oxidiert und dem man die heilende, förderliche Wirkung nachsagt. Big Pharma ist längst auch hinter der Substanz her, natürlich rein wissenschaftlich sucht sie ihre „Wirkstoffe“, ohne dabei die Pflanze als lebendiges Wesen betrachten zu können. Gleich zweimal in den letzten Jahren war Johanniskraut Heilpflanze des Jahres und in einigen Berichten darüber gab es Fotos, wie dieses schöne, robuste Gewächs auf dem Labortisch liegt und von Mundschutz tragenden Aliens behandelt und untersucht wird, ohne auch nur die geringste Magie zu finden.

Ich entlockte ihr ihre Säfte, in dem ich sie in ein Weckglas steckte, sie mit Olivenöl übergoss und eine Woche in der Sonne ziehen ließ. Das ist ein altes Rezept und ich habe es von Wolf-Dieter Storl, der einer meiner Lieblingsautoren ist seit einiger Zeit. Er ist ja Anthropologe und hat schon alleine deshalb einen sehr interessanten Blick auf die Welt und zudem hat er sich mit der Kultur und Geschichte der Pflanzen beschäftigt und schreibt über ihre Seelen und zwar spannend und unterhaltsam. Er ist ein ganz besonderer Mensch und ich bin froh, ihn zu haben in dieser trostlosen Zeit. Er ist einer der Menschen, denen ich gerne mal begegnen würde, am besten auf einem seiner Seminare.

Das mit den Gaben des Johanniskrauts angereicherte, nun rötliche gefärbte Öl schmeckt köstlich. Ich nehme davon einen oder zwei Esslöffel täglich und genieße den Geschmack.

Ich bemerke schon die veränderte Energie der zweiten Jahreshälfte, wie sie hinter der Himmelstür wartet. Die Himmelsspitze ist überschritten, der Weg in die dunklen Tage schon sichtbar. Es wird ein schöner Weg, voller hoher Sommertage bis zum Herbst und in den Winter. Es wird ein schöner Weg.

 

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