Kaltes Licht

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Er hat alles sehr ordentlich aufgeräumt, geputzt, abgestaubt. Ich will fragen, ob er eine Putzfrau hat, vergesse das aber. Das Gästezimmer hat er mir hübsch hergerichtet. Das damals (wahrscheinlich waren wir nicht mal zwanzig) von ihm sehr akkurat geschreinerte Regal mit der originellen Schrägung oben fiel mir gleich auf, auch die Fotografie der Kinder als sie klein waren, und die erotische mit der Gitarre, aus der Zeit als wir jung waren, aber alt genug, um uns für unsterblich zu halten. Es gibt ja diese Jahre, die einem das Gefühl geben, es würde ewig so weitergehen. Das Bad, das ich ihm in eben diesen Jahren gestaltet habe ist noch unverändert erhalten, der maisgelbe Noppengummiboden, die Wand der Duschkabine aus Glasbausteinen, die beiden Waschtische und drüber seine Niedrigspannungsstrahler, ein kunstvoller Drahtseilakt, kühn und verspielt, sein Werk. Weniger geduldige Leuten hätten seither alles mindestens einmal „renoviert“ und erst recht nach der Trennung von der einen großen Liebe. Seine größte Gabe ist Geduld und die nährt die Erkenntnis, dass man gewisse Dinge am besten auf sich beruhen lässt und gewisse Dinge auch in Ruhe gelassen werden wollen.

Nach dem langen Spaziergang durch den maigrünen Wald, fast war es schon eine Wanderung, nach einer bestellten und längst nicht so riesigen Pizza wie befürchtet, finden wir, alten Instinkten folgend, Platz auf der Couch und tauen langsam auf. Erst Wein und dann gegen die Regel Bier trinkend und alte Musik hörend, die gar nicht so alt ist, die ich noch nicht kenne, die aber so klingt wie die, die wir schon vor über vierzig Jahren liebten und die uns damals überhaupt erst zusammengeführt hat – geführt, oder geschweißt, oder gelötet… das passt, Trompeten und Saxophone werden schließlich gelötet – und nach einigem Palaver über den Stil, die Richtung, den Charakter, einigen wir uns auf Fusion. Dave Weckle, ein Mann, den man kennen sollte, wenn man sich für diese Art Musik und besonders für Schlagzeuger interessiert. Er spielt völlig entkoppelt von den üblichen Zwängen, mit denen sich die weniger für die Freiheit der Rhythmen Begabten abmühen wie tapsige Hunde, die einer Schar Vögel hinterherjagen.

Alt auch die Themen, über die wir endlich mal wieder streiten: Über den Sinn des Lebens und was man von ihm erwarten darf. Eine bessere Kindheit und Jugend, als die erlebte, die ja keineswegs schlecht war, aber Schatten hatte, mitunter monströse, über uns geworfen von Menschen, die ihren Erziehungsauftrag in gewissen dunklen Augenblicken als Strafgericht verstanden. Über gütige, milde, freiheitsliebende und vor allem erwachsene Eltern. Über das vernachlässigte Talent, sein Innenleben wahrzunehmen und es klug zu nutzen. Darüber, dass es Schicksalsschläge gibt und Glück alles andere als Zufall ist. Und wie in den letzten fünfundvierzig Jahren auch, werden wir nicht darüber einig, ob man vom Leben eher zu viel als zu wenig erwarten darf. Genug ist ja immer zu wenig, denn genug zu haben, von was auch immer, bedeutet zu kapitulieren. Wir kapitulieren schon vor den wenigen unbequemen Fragen, die sich aufdrängen, weil sie nichts zu bringen scheinen, denn selbstgemachte Probleme sind magnetisch. Sie ziehen weitere an. Wer will das schon haben? Ein paar Übermütige vielleicht, die neugierig genug sind, sich in Neuland zu wagen, ohne zu wissen, was sie dort erwartet. Aber warum überhaupt sollte das Leben ein Wagnis sein, gar ein Abenteuer, wenn nichts mehr kommt. Am Ende, so heißt es doch, wartet der Tod und das wars dann. Ist alles, was zu tun bleibt, nur ordentlich aufzuräumen und sein Testament für die mit Ach und Wenn und Aber Bedachten zu schreiben?  Da erwarte ich doch lieber einen Fortgang meines Seins in einem Jenseits und verschwende mich nicht an Jene.  Das scheint mir die bessere Idee. Sie liefert mehr Phantasie und mehr Wahlmöglichkeiten im Hier und Jetzt. Denn was bringt es denn, dieses Leben im Diesseits ängstlich auf Zehenspitzen zu verbringen, nur um dann sicher und endgültig zu sterben? So funktioniert nur das eigene Doof.

Aber man darf sich in diesen wichtigen Angelegenheiten auch gar nicht einig werden. Das ist allerdings eine Einsicht, die ein hohes Maß an Verständnis für die Funktion einer Streitkultur voraussetzt, und zum Glück hatten wir mehr als genug Gelegenheiten früher, in den Siebzigern und Achtzigern, und Neunzigern, um sie in langen Nächten in vollgepackten und vollgequalmten Kneipen einzuüben mit lauter Grantlern, Eierköppen, Quertreibern, Strategen, Miesepetern, Bierseligen und anderen Kneipenheiligen. Die Fähigkeit zu Geistesblitzen, die bei den Glückspilzen zu dauerhafter Erleuchtung führen, ist in jedem angelegt, und es stimmt einfach nicht, dass Alkohol das Gehirn vernichtet. Im Gegenteil; das Antiseptikum pulsiert durchs Hirn und inspiriert phantastische Gedankenflüsse, die sich bis zur Springflut steigern können. Doch es endet wirklich tragisch für die Unglücklichen, die, anstatt aus diesen Erkenntnisprozessen kostbare Weisheiten für ihr Dasein zu destillieren, dieser Substanz verfallen. Halte man sich also besser an die Vorsichtigen, die damit angeben nur hin und wieder ein Glas Wein oder eine Flasche Bier zu trinken, was ja der Gesundheit diene, obwohl sie sich, mindestens, zwei bis drei Liter Bier oder einen Liter Wein am Abend einverleiben, das aber nicht offen sagen und ihrem „sozialen Umfeld“ lieber die Mengen angeben, die sie auch beim Arzt in den Fragebogen eintragen? Befrage man am besten seine eigenen guten Geister: Besonders das Bier macht die Leute locker, gesprächig, kreativ und wahrhaftig, jedenfallls in den Kneipen.

Künftige Generationen werden sich verwundert die Augen reiben, wenn sie in Fotobänden blättern und staunen, wie es in Wirthäusern, Kneipen, Clubs und Cafés früher abging: Auf locker machende Typen und schicke Ischen, mit Kippen im Mundwinkel, Bierglas im Anschlag und einem Blitzlicht im Augenaufschlag, zu allem bereit, auch wenn es längst nicht zu allem kam. Es stimmt einfach nicht, dass Frauen weniger gerne Bier trinken und weniger gerne in Kneipen gehen als ihre männlichen Artgenossen. Frauen sind oft die besseren Kneipiers, erst recht, wenn sich eine Kneipe den Status einer Bar (was nüchtern betrachtet das gleiche wie eine Kneipe ist) verdient hat. Eine Bar ist ein Riegel, gemeint ist der Tresen, dort kommt der Anglizismus her. Und was auch nicht stimmt, ist die Behauptung, die englischen und irischen Pubs seien hundertmal stilvoller als deutsche Kneipen; sie sind nur anders und es ist gut, diese Feinheiten aus eigener Anschauung zu kennen. Was es mit dem Wort Kneipe eigentlich auf sich hat, erklärt Wikipedia so: Das im Mitteldeutschen belegte Verb kneipen für „zusammendrücken“ ist ein Lehnwort aus dem mittelniederdeutschen Wort knīpen (vgl. die moderne niederdeutsche Form kniepen), das mit hochdeutsch kneifen urverwandt ist. In Kneipen herrscht also ein gewisses Gedränge und sorgt für Stimmung. Das Bier schmeckt süffiger und es kommen einem ganz andere Gedanken in Gesellschaft (egal ob man sich kennt oder nur eng beieinander steht), als beim Nuckeln an der Pulle allein zu Haus.

Ehrbar verkatert legen wir am nächsten Tag das alte Gartenhaus nieder, ohne jede Reue, und dabei haben wir die schon mindestens zwanzig Jahre übers Mindesthaltbarkeitsdatum hinübergerettete Bude besser behandelt als sie es verdiente und sie nicht einfach in Brand gesteckt, sondern mit altvertrautem Handwerkszeug sorgfältig rückgebaut – Verkleidungen mit Zimmermannshämmern vorsichtig herausgeschlagen, Türen mit Schraubendrehern aus den Zargen gelöst, Balken mit Kuhfüßen voneinander getrennt und schließlich das entkernte Gerippe mit dem Vorschlaghammer kontrolliert zum Einsturz gebracht.

Unser Tagwerk feiern wir am Abend gebührend. Bis das Essen soweit ist, betrachte ich die Bruchsteinmauer gegenüber, vom überdachten Freisitz aus. Sie ist sehr schön mit Moos bewachsen, ein kleines Biotop, still und stetig entstanden über die Zeit und man muss hoffen, dass nicht eines Tages ein beschränkter Schädling sich daran macht, es zu zerstören, schlimmstenfalls mit Round-Up. Bruchsteinmauern und die ihnen zufliegende Vegetation sind für einander bestimmt. Höchsten darf ein aufgewachter Gartenbauer mit Mauerpfeffer und Saxifraga ein bisschen nachhelfen, aber selbst bei Könnern wird das ganz schnell artifiziell und wirkt für den besseren Geschmack übertrieben. Am besten überlässt man alles den heimlichen Kräften der Natur und freut sich am Geheimnis. Das ist aber einfacher gesagt als getan. Denn wenn man älter wird, nimmt die Fähigkeit zur Freude an dem, was einfach da ist ab, jedenfalls wenn man nicht aufpasst, denn die Hypnose ist ein tückischer Geist. Nicht ganz wach und bei sich verführt sie gleich zu trügerischen Gedanken - dass man sich nur durch irgendein Tun verdienen kann, was man genießen darf, und erliegt man denen, endet der Blick für das Schöne ganz schnell an der eigenen Reviergrenze und man sieht jenseits davon bestenfalls bemerkenswerte Konkurrenten, meistens aber Hässlichkeiten.

Er hat sich eine Zwille schicken lassen, das Werk eines Maschinenbauers - er würde wohl sagen, eines Werkzeugmachers, was eher zutrifft, aber Maschinenbauer klingt besser und ist ja auch nicht ganz unzutreffend für diese Präzisionswaffe aus Edelstahl mit Visier, mit der man mit Stahlkugeln auf sechzig Meter treffen kann. Er nimmt kleine Holzkugeln und vertreibt damit die Tauben, weil er sie hasst. Ich übe damit ein bisschen visieren und gerate als Beobachter in ein Luftgefecht. Eine Elster und ein Kolkrabe landen krachend und krähend in den Thujabäumen gegenüber. Die Thuja verlieren Nadeln, werden licht, sterben aber nicht ab, wie die Fichtenwälder unserer Jugend, denen nicht anderes übrig bleibt, als sich von Borkenkäfern auffressen und beflissenen Forstwirten umsägen zu lassen. Die Thuja sind da anders, machen es wie wir, die wir Federn lassen, aber alles in allem gut dastehen, jedenfalls vorm Spiegel, in dem man, wie wir uns eingestehen, die eigene Wampe reichlich verzerrt - beim Namen genannt konkav - wahrnimmt, dieses gewichtige Argument gegen die eigene Attraktivität im gesetzten Alter, das wir uns zugelegt haben über die Jahre als Ausdruck anders nicht zu verkörpernden Leids in der Hoffnung, damit gesehen, erkannt und dafür geliebt zu werden.

Ich lasse mich von meinem Freund bedienen. Es gibt Putengeschnetzeltes nach Rezept und grünen Salat nach Art des Hauses mit einer Spur Honig. Es schmeckt sehr lecker, nicht zuletzt wegen des Weins, Primitivo oder was es ist. Ich entdecke Aromen, die nach Vanille schmecken. Der sei, Ehrenwort, aber nichts Besonderes, sondern von Rewe ganz unten aus dem Regal. Da stehen ja immer die guten günstigen Sachen, weil man sich danach bücken muss oder übersieht. Nach dem Essen gehen wir raus auf den Freisitz und halten kurz an den Kräutertöpfen an. Die Petersilie kommt nicht recht in Fahrt, wächst zwar hoch, aber nicht in die Breite, was ihr besser stehen würde. Was soll man machen. Schnittlauch und Liebstöckel geht es sichtlich besser, warum auch immer.

Am Ende der Flasche stellen wir neue Gemeinsamkeiten fest: Wir haben beide eine Friseurin, die zu uns nach Hause kommt, seit die Salons zusperren mussten. Seine hält sich strikt an die Vorgaben und besteht, wenn es vorgeschrieben ist, auf Mundschutz. Meine ist da flexibler, achtet eher auf Mindschutz, aber sie ist ohnehin die eine Person aus dem einen Haushalt, die uns besuchen kommt und uns dann kollateral einen Haarschnitt verpasst. Auch die zweite Flasche leert sich flüssig, ohne dass wir viel reden müssen. Gegen zwölf gehe ich ins Bett. Er sitzt noch ein Weilchen. Männerabend, kaltes Licht, die Kerzen brennen nicht, und doch ist’s schön, sich wieder mal zu sehen. Ohne Liebe geht da gar nichts.

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